"Dort kann ich so sein, wie ich bin."
Dieser Satz hat in mir nachgeklungen. Es ging um Menschen, die in der Gegenwart von Freunden so sein können, wie sie tatsächlich sind.
Aktuell befasse ich mich wieder mit Trauma. An dem Satz oben stimmt etwas nicht. Der Mensch, der ihn sagt, das kannst du sein,. Ich selbst habe ihn auch schon ausgesprochen. Der Satz enthält eine Aussage. Diese heißt: "Hier kann ich nicht so sein, wie ich bin."
Wieso meinen wir Menschen, wir könnten nur an manchen Orten so sein, wie wir sind?
Wieso meinen mir nur an manchen Orten richtig sein zu können, wie wir sind?
Weil wir dies so gelernt haben. Wir haben gelernt uns zu verstellen. Wir haben gelernt "normal" zu sein und uns am Umfeld anzupassen. Wir passen uns an das Verhalten der Mitmenschen an. Wir reden wie sie. Wir kleiden uns wie sie. Wir nehmen ihr Verhalten an.
Warum?
Weil wir nicht auffallen wollen.
Weil wir geliebt sein wollen.
Weil wir dazu gehören wollen.
Wir wollen Teil dieser Gemeinschaft sein, auch wenn wir dort nicht so sein können, wie wir tatsächlich sind.
Wir geben uns auf. Wir geben unsere eigene Persönlichkeit auf. Dies geschieht zugunsten einem Bild vom anderen, vom Umfeld, dem wir nachkommen möchten. Wir können nicht mehr so sein, wie wir sind.
Dies zu wissen, macht mich traurig. Ich frage mich gerade: Wie viele Menschen laufen als angepasst herum. Wie viele haben sich verbogen wegen eines Wunsches. Wie viele haben sich selbst angelogen und zu oft nein zu sich gesagt, um dazuzugehören können. Dazuzugehören in einer Umgebung, die uns nicht gut tut, und sogar schaden kann.
Uns anzupassen, bedeutet, dass wir uns selbst verraten. Wir fallen uns selbst, wir fallen unserer Persönlichkeit, in den Rücken. Dies geschieht aus dem Hinterhalt, von hinten. Wir gleichen Schauspielern. Wir sind gut darin geworden "normal" zu sein. Wir haben uns von unserer Individualität, von unseren Interessen, von unseren Ideen, von unseren eigenen Worten, entfernt. Wir haben anderes übernommen. Wir sind das Ergebnis des "hier kann ich nicht so sein, wie ich bin".
Nun komme ich dazu, was mir aufgefallen ist.
Es ist, genau genommen, egal, wo wir uns aufhalten: Wir sind immer so, wie wir sind. Genau so werden wir von anderen Personen wahrgenommen. Ein fremder Mensch sieht uns als den Menschen an, den er vor sich hat. Er sieht uns als den Menschen, der wir aktuell sind. Deshalb kommt es oft zu Irriationen. "Das hätte ich nicht gedacht, dass jemand so oder so ... ist."
"Dort kann ich so sein, wie ich bin." bedeutet gleichzeitig. "Hier kann ich nicht so sein, wie ich bin."
Kannst du dir vorstellen, wie viele Missverständnisse unser unterschiedliches Verhalten im Umfeld auslösen kann? Wir schätzen unser Gegenüber ein, wen wir vor uns haben. Wir haben uns ein Bild von dieser Person gemacht, mit wem wir es zu tun haben. Und dann hörst du ihn sagen: "Bei meinen Freunden kann ich so sein, wie ich bin. Dort bin ich ganz anders."
Ich sage dir: Wir können überall so sein wie wir sind. Das ist möglich. Wir können aufhören den Leuten nach dem Mund zu redeen. Das heißt, wir können das sprechen, was wir wirklich denken, anstatt nur die Worte auszuwählen, von denen wir meinen, dass sie gesagt werden dürfen.
Überall, in jedem Kontext, in jeder Umgebung, mit jedem Menschen, können wir so sein, wie wir sind. Dann sind wir authentisch. Möchtest du authentisch sein, oder bist du es schon?
Mit diesen Überlegungen möchte ich deine Bewusstheit fördern.
Getrauen wir uns, uns selbst bewusst anzuschauen, aus einer anderen Perspektive, der Vogelperspektive. Wiir können unsere eigenen Beobachter sein und bewusst bemerken, wie wir uns präsentieren. Normal oder authentisch.
Pass gut auf dich auf.
Schau hin, schau genau hin.
eure Michaela Aust
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