"Meinen Kindern soll es einmal besser gehen."
Dieser Satz hat sich mir in einem völlig neuen Gesicht gezeigt.
Mein Bruder und ich hatten unser Elternhaus ausgeräumt gehabt. Dort hatten wir uralte Papiere gefunden. Fotos unserer Ahnen waren ebenso dabei. Mein Opa war Schneidermeister. Sein Vater war Schuhmachermeister. Die Vorfahren meiner Oma waren Wirtsleute. Alle zusammen kamen aus gut bürgerlichen Handwerksfamilien. (Wobei ich mich gerade frage, wohin Gastwirtsgewerbe zugeordnet wird?) Unsere anderen Großeltern waren Landwirte, Jäger und Fischer.
Dann kam meine Elterngeneration. Das zwanzigste Jahrhundert veränderte so vieles. Es gab die staatlich geschaffene Möglichkeit, dass allen, die die Intelligenz dazu hatten, ein Studium zu verschaffen. Das wurde dann auch reichlich genutzt. Ich selbst war immer sehr traurig gewesen, frustriert und zermürbt, weil mir die Bildung von meinen Eltern verwehrt worden war. Das war auch so bis ich eben die gefundenen Unterlagen gesichtet hatte und neu nachdachte.
Das Ergebnis brachte zum Vorschein, dass meine Familie der Schicht der Handwerker zugehört. Diese familiäre Zugehörigkeit hat mich mein bisheriges Leben am Aufsteigen gehindert. Ich wollte auch zu den "Besseren" dazu gehören. Das bedeutet dann im Umkehrschluss: "Bloß nicht zu denen da unten gehören." Das ist für mich gerade, mit meinem neuen Blickwinkel, ein Hohn auf meine Ahnen. Das ist so als ob das alles Taugenichtse und Menschen der Niederen, wenn nicht sogar der Nierigsten Zunft angehört hätten und es endlich einen braucht, der die Weichen endlich einmal gerade rückt. Ich empfinde das als überheblich. Heute.
Wenn ich aus einer Ahnenlinie stamme, die der Handwerkerschicht angehört, dann ist das mein Lebensbereich und dort geht es mir gut. Dort habe ich einen guten, sogar sehr guten, Platz. Dort kann ich auf das ganze Erbe meiner Ahnen zugreifen. Damit ehre ich sie mit ihren Berufen und ihrem ganzen Lebenssein.
Wieso kommt es, dass es Personen gibt, die möchten, dass es ihren Kinder einmal "besser" geht? Von meinen Ahnen weiß ich, dass das Leben früher kein Zuckerschlecken gewesen ist. Das Geld und die Not haben sie geprägt. Es lag nicht immer am Beruf und dem Ansehen, das sie in der Dorfgemeinschaft hatten. Es lag an den Zeitphasen von Not und Krankheit, die für Not gesorgt hatte. Das verdiente Geld musste für den Lebensunterhalt bewahrt werden. Da blieb kaum etwas übrig dem Kind ein Studium zu bezahlen. Wozu auch? Braucht es tatsächlich immer einen Standeswechsel, um mehr Geld zu haben?
Letztendlich, so nach meiner Betrachtungsweise, geht es um zwei Komponenten. Das Geld und das Ansehen. Mit dem Ausüben eines studierten Berufes wird höheres Einkommen und Macht verknüpft. Ich frage mich, ob es überhaupt sinnvoll ist, die eigenen Wurzeln zu verlassen und sich neue, fremde, Wurzeln anzueignen? Damit geht ein Kräfteverfall einher und daraus resultieren die modernen Krankheiten von Überlastung und ausgebrannt sein. In fremden Schuhen läuft es sich nur bedingt gut. In den eigenen Schuhen läuft es sich wunderbar.
Mein Ergebnis ist, dass es mich als Ahnin ärgern würde, wenn ein später Geborener daher kommt und sagt, er möchte etwas Besseres werden, oder er möchte, dass sein Kind etwas Besseres werden soll. Denn damit schneidet er sich ab von meiner wohlwollenden Unterstützung. Für mich fühlt es sich an wie ein Tritt in die Eingeweide. So nach dem Motto: "Du warst schlecht, du warst nicht gut genug. Ich, mein Kind, ist besser als du." Geehrt fühle ich mich, wenn das, was ich erreicht habe, gewertschätzt wird und die Erfahrungen und mein Wissen genutzt werden darauf aufzubauen. Und das geschieht in der Schicht meiner Ahnen am allerbesten.
co Michaela Aust, 6. Febr. 2023
Kommentar hinzufügen
Kommentare