"Sie werden sterben."

Veröffentlicht am 7. Juni 2026 um 11:41

"Du wirst sterben." 
"Sie werden noch 5 Wochen leben."
Sätze, die tief unter die Haut gehen. 

Wie geht es jemanden, der gesagt bekommt, dass er noch 4 Wochen, 5 Monate, ein paar Tage, zum Leben hat?
Wie geht es jemanden, der gesagt bekommen hat, dass er bald sterben wird?

Diese Fragen beschäftigen mich schon eine ganze Weile. 
Ich kenne niemanden. Darum wollte ich es selbst erfahren wie sich das anfühlt. Der Wunsch war ein bisschen vertrackt. Würde ich diesen Satz selbst gesagt bekommen, wäre ich am Ende meines Lebens angelangt. Das war nicht in meinem Sinne. Also tat ich, was ich "immer" tue: Nichts. Wo sollte ich Personen finden, die mit mir über ihre Empfindungen nach solch einer Aussage sprechen möchten? Das Radio, das ich angeschrieben hatte, meinte ich bräuchte psycho-soziale Hilfe. Sie hatten mein Anliegen nicht verstanden. 

Dann kam die Wende. 
Ich wurde tatsächlich erhört. 

Dies geschah in einem Traum. 

Ich saß in einem Raum. Mehrere Personen waren anwesend, auch meine Tochter und mein Ehemann. Meine Tochter sagte mir: "Du wirst sterben." Die Zahl 5 spielte auch eine Rolle. 5 Tage, 5 Wochen, 5 Monate, 5 Jahre. Leider fehlt mir hierzu eine konkrete Erinnerung, in welchem Zusammenhang die 5 genannt wurde. Ich wachte auf. Und ich wollte sofort den Traum und die Aussage vergessen. 

Mein Körper hatte den Schock in sich leider unmittelbar abgespeichert. Wegdenken ging nicht mehr. Ich stand von da an unter Schock sterben zu müssen. Ich hatte panische Angst zu sterben. Meine gesamte Ausrichtung war auf das Sterben fokussiert. Zum Arzt gehen? Es gibt kein Medikament gegen sterben. Ich war mir selbst überlassen. 

Ein paar Tage später fiel mir ein: Ich musste meine Dinge ordnen. Da ich dachte, dass mein eigenes Leben dem Ende entgegenstrebt, fiel mir auf, dass mit meiner behinderten Tochter nichts geregelt gewesen war. Ich wusste seit letzten Sommer, dass ich einen Platz für sie brauchte, wenn wir Eltern weg wären. Diese ekelhafte Lethargie sabotierte mein Vorhaben regelmäßig. Mühsam suchte ich Kontakte zu Stellen und war orientierungslos gewesen.

Zudem ploppte meine alte Erinnerung auf, dass ich meine Tochter nie mehr in ein Heim geben wollte. Diese Einstellung begann ich zu hinterfragen und zu korrigieren. Diese Suche ist bis heute noch ein Hin und Her von alten Gefühlen und zu wissen, dass es wichtig ist mich um das Nachher zu kümmern. Wenn ich es jetzt nicht tun würde, wer würde nach meinem Tod die nötigen Schritte tun? 

Ich war in verschiedener Weise in der Angst gefangen. Sie dominierte mein Denken und Handelln. Ich war gelähmt und wusste zugleich, dass ich handeln muss. Wenn ich nicht selbst handeln würde, wer sollte es dann tun? 

Mir kam meine schamanische Tätigkeit mit den Verstorbenen in den Sinn. Ich hinterfragte: "Stimmt das denn, was ich den Seelen immer sage, dass Sie vom Himmel oben aus mehr bewirken können, als wenn sie hier unten als erdgebundene Seele bei den Angehörigen bleiben." Diese Frage wird mir letztendlich erst beantwortet sein, sobald ich irgendwann selbst auf Wolke 7 lebe. 

Warum schreibe ich all dieses?
Ich möchte aufmerksam machen. 
Die Angst derer, denen gesagt wird, dass sie sterben werden und auch wann das ist, haben einen Schock. Sie sind darin Gefangene. Und damit sind sie handlungsunfähig geworden. Sie fallen in die Opferrolle der Ohnmacht und des Nichts tun können. Die Gedanken drehen sich einzig daum Angst zu haben vor dem Ende. Dem Ende ihres Existierens hier als Mensch auf der Erde. 

Es gibt niemanden, dem diese Todesangst erzählt wird. 
Vielleicht wird sie ausgesprochen. Und dann wird derjenige abgewimmelt. Der eigene Tod steht plötzich mitten im Raum dabei. Die eigene Angst vor dem Sterben ist ebenso anwesend. 

In meinem Traum ging es um meine Mutter. Ihr wurde im Beisein meines Bruders und seiner Freundin gesagt, dass sie sterben wird. Es kann auch sein, dass diese Nachricht von der Freundin meines Bruders ausgesprochen wurde. Die Zahl 5 spielte eine Rolle. 

Das Hospiz sagte mir, dass abgewägt wird, ob sie den Patienten alleine oder im Beisein der Angehörigen die Todesnachricht überbringen.
Ich dachte, dass sie dort wissen, dass Patienten im Beisein ihrer Angehörigen anders reagieren.
Ich dachte, dass die Mitarbeiter vom Hospiz, Altenheimen oder anderen Stellen darum wissen, dass es eine Befangenheit gibt im Beisein der Verwandten die eigenen Wünsche zu formulieren.
Ich dachte, dass spätestens wenn Patienten auf die Palliativstation oder ins Hospiz verlegt werden, allen Angehörigen Bescheid gegeben wird.
Ich dachte, dass in den Gesprächen deutlich gemacht wird, warum es wichtig ist, dass sich die Sterbenden von ihrer gesamten Familie verabschieden möchten.
Dachte ich. 

Die Praxis ist anders. 
Das hatte ich nicht gewusst.
Ich hatte nicht gewusst, dass die echte Praxis in der Betreuung Sterbender anders gehandhabt wird. 
Ich hatte dem geglaubt, was in den Medien von Hospiz und Palliativversorgung berichtet wird. 

Über Antworten und Erfahrungen freue ich mich.
co Michaela Aust

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